03.03.2017 Bremervörde Von: Ingrid Mahnken
Thomas Melle las im Ratssaal aus „Die Welt im Rücken“

Wenn der Gehirnstoffwechsel überkocht

Wie es ist, mit der Diagnose "manisch-depressiv" zu leben, beschrieb der Autor Thomas Melle bei einer Lesung im Ratssaal.

Ein kleiner, aber interessierter Kreis an Zuhörern hatte den Weg in den Bremervörder Ratssaal gefunden. Der Verein „Tandem - soziale Teilhabe gestalten" und die Buchhandlung Morgenstern hatten zu einer Lesung mit dem Roman- und Theaterautor Thomas Melle eingeladen.

Sprachgewaltig, punktgenau und schonungslos ließ er die Besucher teilhaben an seinen Erinnerungen und eigenen Katastrophen. Thomas Melle ist manisch-depressiv. In seinem Buch „Die Welt im Rücken" erzählte er davon, was die Krankheit aus ihm gemacht habe. Sein Leben bezeichnete er in diesen manischen Phasen, gepaart mit Wahnvorstellungen, als eine Achterbahn der Gefühle.

Bei einem manisch depressiven Erkrankten, so erfuhren die Besucher, wechseln sich Phasen grenzenloser Euphorie und tiefer Niedergeschlagenheit ab. Eine Erkrankung die Angst mache, das Leben täglich zerstöre und in eine völlige Verzweiflung treibe.

Bisher hatte er drei schwere manische Schübe, den ersten mit 24 Jahren. Die Schübe könnten wenige Tage bis zu zwei Jahren anhalten. „Ein Horrortrip, wenn der Gehirn-Stoffwechsel überkocht und der Mensch ausrastet, der einen in der Krise übermannt." Man wüsste nicht, wohin mit diesen Sinnesreizen, deren Impulse man ganz ungehemmt auszuleben begänne. Panik mache sich breit und die eigenwillige Welt gerate aus den Fugen. Einen Fluchtweg gäbe es nicht.

Für den Betroffenen ein Desaster, das den Mitmenschen erfahrungsgemäß unheimlich sei, da sie diese Krankheit nicht einordnen können. Da werde der Small Talk zur Falltür, beschrieb Thomas Malle. Freunde hätten sich gegen ihn verschworen, sagt er, und ihn in die Psychiatrie deportiert. Dort befände sich, so Melle, „ein Sammelsurium an Fehl-Exemplaren". Die Seele verfinstere sich. Man fühle nichts mehr außer Trauer.

Auf diese manischen Phasen folgten immer längere depressive Perioden, in deren Verlauf Melle auch zwei Suizidversuche unternommen hat. Dahinter stand auch die Scham, eigentlich nicht man selbst gewesen zu sein, sein Leben und sein Ruf ruiniert zu haben. Sechs Jahre habe die Krankheit ihm bisher gestohlen. Zurzeit verfüge er über einen stabilen Gemütszustand, doch eine vollständige Genesung sei nicht möglich, berichtete er. Das Risiko eines Rückfalls sei trotz medikamentöser Einstellung groß. „Sollte ich wieder dem Wahn verfallen, werde ich nicht aufgeben und dennoch weiterleben", so Thomas Melles feste Überzeugung.

Nach der rund eineinhalbstündigen Lesung stand der Autor den sichtlich beeindruckten Besuchern gerne Rede und Antwort. Ein Teilnehmer, auch von dieser Krankheit betroffen, berichtete, dass er sich in dem Buch wieder gefunden habe. Es habe ihm Kraft und Mut gegeben.