17.03.2017 Bremervörde Von: Kim Wengoborski
„Gaffer-Prozess“: Verteidigung zweifelt Aussage der Polizisten an

„Sie wollen uns doch hier veräppeln“

Nachdem die Verhandlung im „Gaffer-Prozess" erneut verschoben wurde, ging es am Donnerstag im Amtsgericht Bremervörde zur Sache.

Auf der Anklagebank saßen die drei Brüder einer Bremervörder Familie. Als Zeugen waren zwei Polizisten geladen, die unmittelbar in das Geschehen involviert waren.

Beide hatten nach dem „Eisdielen-Unfall" im Juli 2015 zunächst versucht, zwei der Brüder aus dem abgesperrten Bereich zu verweisen. Ein Brandmeister hatte die Polizisten darauf aufmerksam gemacht, dass sich dort Störenfriede aufhalten würden, die den Bereich nicht freiwillig verlassen wollen. Der 27-Jährige hätte sein Handy in der Hand gehabt - es besteht der Verdacht, dass er Aufnahmen von dem Geschehen gemacht hat. Die Polizisten beschrieben einheitlich, dass sie zwei Platzverweise ausgesprochen haben. Zunächst habe der 27-Jährige sie einfach ignoriert. Auch dass ein Kind und ein Mann zu Tode gekommen seien, hätte ihn nicht dazu motiviert, auf die Beamten zu hören.

Nach dem zweiten Platzverweis hätten sie versucht, ihn an den Schultern in Richtung Absperrung zu schieben. „Wir sind 50, da machen wir euch locker fertig", soll der Angeklagten gebrüllt haben. In Anbetracht der Unfall-Situation sei dieses Verhalten das „Würdeloseste" gewesen, was er in seinem Leben je erlebt hat, sagte der 47-jährige Polizist, der als Erster aussagte.

Nachdem der Angeklagte in sein Handy gerufen hatte „Kommt schnell her", und die Beamten befürchten mussten, dass er Unterstützung holt, beschlossen sie, ihn zu Boden zu bringen. In diesem Zuge kam es zu einer Rangelei. Der Angeklagte habe sich gewehrt „wie von Sinnen".

Zunächst sei der ältere Polizist in den Schwitzkasten genommen worden, woraufhin der jüngere, 36-jährige, Polizist eine schmerzhafte Abwehrtechnik an dem Angreifer angewandt habe. Dann habe der 27-jährige Angeklagte seine Arme um den Hals des jüngeren Polizisten gelegt. Die Situation wurde schließlich von Feuerwehrbeamten aufgelöst. Mittlerweile war der dritte Bruder ebenfalls vor Ort. Der ältere, 36-jährige, Bruder soll versucht haben, schlichtend einzuwirken, als der 27-jährige die Beamten laut und drohend beschuldigte, sein Handy genommen zu haben. Tatsächlich tauchte dieses anderweitig wieder auf. Die Beamten sagten aus, das Handy zu keinem Zeitpunkt berührt zu haben.

Die Verteidigung machte aus ihrer Strategie keinen Hehl. Schon zu Beginn schlug einer der drei Anwälte vor, die Zeugen nach Paragraf 55 zu belehren - also ihnen zu verdeutlichen, dass sie die Auskunft verweigern dürfen, sofern sie Gefahr laufen, sich durch ihre Aussagen selbst strafbar zu machen. Das Gericht hielt dies allerdings für unnötig. Aus den Unterlagen ergebe sich kein Verdacht.

Kleine Unstimmigkeiten oder Ungenauigkeiten waren den drei Anwälten Anlass genug, die Glaubwürdigkeit der Zeugen anzuzweifeln. So hatten sie schnell die Strecke vom Ausgangspunkt der Konfliktsituation bis zu deren Ende als Fixpunkt ausgemacht. Gemeinsam standen Zeugen und Verteidiger am Richterpult und erörterten die Lager anhand von Fotos und Karten. Der erste Polizist hatte ausgesagt, dass er den Angeklagten „einige Meter" geschoben hätte, vielleicht drei oder vier Meter. Wie weit denn einige Meter wären, wollte Verteidiger Lars Zimmermann daraufhin wissen und bohrte hartnäckig nach. „Alles unter einem Kilometer", ließ der Zeuge nach einigem Hin und Her merklich gereizt fallen. „Sie wollen uns doch hier veräppeln", kommentierte der Verteidiger schließlich und stampfte kopfschüttelnd zurück zu seinem Mandanten. Die Strecke müsse laut eigenen Schrittvermessungen rund 50 Meter betragen, erläuterten die Anwälte Zimmermann und Hünnemeyer schließlich. „Ich kann die Meter nicht schätzen, wir haben uns alle bewegt, das war eine dynamische Situation", gab der Zeuge zu bedenken. Zimmermann interpretierte das Geschehen allerdings anders: „Entweder der Anfang war weiter weg, als Sie schildern, oder die Auseinandersetzung war völlig anders, als Sie sie schildern."

Auch die angegebene Uhrzeit im Bericht des ersten Zeugen nahmen die Verteidiger zum Anlass, um dessen Glaubwürdigkeit anzuzweifeln. Dort sei 17.44 Uhr als Unfallzeitpunkt vermerkt. Tatsächlich aber seien bereits um 17.25 Uhr zahlreiche Notrufe eingegangen. Ihm sei die Uhrzeit so gegeben worden, damit er sie für die Anfertigung des Berichts nutzen könne, sagte der Beamte aus. „Was habe ich denn von Ihrem Bericht zu halten, wenn Sie sich schon bei der Uhrzeit um 20 Minuten vertun", sagte Zimmermann.

Ob man sich unter Kollegen über ein gewünschtes Urteil für die Angeklagten unterhalte, wollte Zimmermann wissen. Und auch wie die Beamten allgemein zu der Familie, aus der die drei Brüder stammen, stünden, fragte der Verteidiger. Die Familie sei bei den Polizeibeamten tatsächlich „nicht gerade beliebt", wandte der ältere Zeuge ein.

Auch der Umstand, dass sich beide Zeugen von einem Beistand begleiten ließen, bot den Verteidigern Angriffsfläche. Warum sie sich als Berufszeugen, die auf Aussagesituationen geschult werden und regelmäßig aussagen müssen, diese zusätzlichen Kosten auf sich nehmen. „Weil ich das Recht dazu habe", sagte der jüngere Polizist aus. Der Zeugenbeistand versuchte, zu intervenieren. Die Antwort sei genügend, doch Jugendrichter Fabian Pflug ließ den Verteidiger gewähren.

Der nächste Verhandlungstag im Amtsgericht Bremervörde ist Mittwoch, 22. März, 9.15 Uhr