02.11.2018 Lilienthal/Grasberg

Fracking im Landkreis

Im Schulterschluss gegen DEA Bürger gründen Initiative gegen Erdgasförderung im Landkreis

Grasberg. Das Vorhaben der DEA (Deutsche Erdöl AG), unter anderem vom nördlichen Seebergen in Richtung Wilhelmshausen und entlang der südlichen Landkreisgrenze zu Verden im Januar und Februar 2019 mit so genannten Vibro-Trucks seismologische Messungen durchzuführen, stößt bei der Mehrheit der dort lebenden Bevölkerung auf Unmut.

Der Einladung der gerade organisierten Bürgerinitiative (BI) „Keine Erdgasförderung im Umland von Grasberg und Lilienthal“ in den Grasberger Hof folgten hunderte von Bürgern, um sich zu informieren. Durch die seismologischen Messungen mithilfe der Vibro-Trucks sollen in einer Tiefe von mehr als 4.000 Metern mögliche Gaslagerstätten identifiziert werden können. Mit dem Wissen eines etwaigen Erdgasvorkommens wird sich die DEA sicherlich nicht zufriedengeben. Was dann folgen wird, lernten andere Ortschaften bereits kennen.

Gero Landzettelvon der BI „Flecken Langwedel gegen Gasbohren“ erinnerte sich an die Aktivitäten der DEA in Langwedel: „Seit den 90er Jahren ist die DEA im Flecken Langwedel, die mittlerweile ihren Hauptsitz in Niedersachsen bei uns hat.“ Die beiden Erdgasfelder in Langwedel seien die ertragreichsten Felder Niedersachsens; und aus Niedersachsen käme fast alles an deutschem Erdgas.

Er umriss kurz, dass das Erdgas in rund 3.500 bis 4.000 Metern Tiefe in einem porigen Sandstein „Rotliegendes“ als Gas-Wasser-Gemisch lagere. „In den 90er Jahren hatten wir nichts gegen die DEA. Erdgas machte schließlich einen besseren Eindruck als Erdöl.“

Im Jahre 2011 trat durch ein schadhaftes Ventil Lagerstättenwasser aus. „Wir lernten, dass das nicht nur reines H20, sondern Wasser mit viel Schadstoffen, wie Quecksilber oder Benzol, ist.“ Das kontaminierte Erdreich musste abgetragen werden - und die Bevölkerung war alarmiert.

Die BI Langwedel war gegründet und entdeckte, dass mehr hinter allem steckte. „Das gefährliche Lagerstättenwasser wurde über ein Rohrleitungssystem nach Verden-Walle geführt und diffundierte durch das Plastik ins Erdreich. DieSanierung dauert bis heute an.“

100.000 Liter pro Jahr an Wasser mit Schwermetallen und Salzen machten diese von einigen als „Spinnerei“ abgetane Tatsache zum realen Problem.

Erdbeben und Schäden an Eigentum

Es folgte am 22. November 2012 ein Erdbeben mit einer Amplitüde von 2,9: „Das ist nicht schlimm, aber es folgten hunderte Schadensmeldungen, wie Risse in Hausfassaden oder in Fliesenspiegeln.“ Dieses Erdbeben, schlussfolgerte seinerzeit die DEA, habe nichts mit der Förderung zu tun, was ein Jahr später vom Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in einem Gutachten für „Wahrscheinlich“ eingestuft worden war.

„Sehr wahrscheinlich“ ist der Zusammenhang der Förderung und dem Erdbeben von 2016 mit einer Stärke von 3,2 und über 400 Schäden unter anderem an der Oberschule, am Rathaus, am Freibad. „Die Schadensregulierung ist sehr anstrengend!“

Hunderte Bürgerinnen und Bürger kamen nach Grasberg

Landzettel berichtete vom Bewusstseinschaffen in der Bevölkerung und freute sich, dass in Grasberg auf Anhieb so viele Menschen gekommen seien. „Das ist keine einfache Förderung. Das schafft Probleme. “Seine Gemeinde erlaube der DEA mittlerweile keine Passagen mehr: „Das haben wir geschafft. Hier soll nur geprüft werden - verhindern Sie das schon, dann haben Sie den Rest nicht am Hals.“

In Intschede war die BI letztendlich erfolgreich nach drei, vier Jahren Auflehnung gegen die DEA-Pläne. „Zwei von drei Landwirten, auf deren Grund gebohrt werden sollte, waren dagegen, einer der Landwirte hat den Pachtvertrag mit der DEA unterzeichnet“, berichtete der BI-Sprecher. „Als die Firma Stör die Kartoffeln aus Völkersen für die Pommes-Frites-Produktion nicht mehr abnehmen wollte wegen des Lagerstättenwasseraustritts, war der dritte Landwirt umgestimmt und trat von seinem Vertrag zurück.“

Er bestärkte die Landwirte aus dem Landkreis Osterholz, dass Rücktritte von unterschriebenen etwaigen Verträgen möglich seien. Martin Busch von der BI „Walle gegen Gasbohren“ berichtete vom Kampf gegen die DEA: „In Verden-Scharnhorst soll rund um das Wasserwerk Panzenberg eine Bohrung niedergebracht werden ungeachtet der Gefahren für das Trinkwasser einer ganzen Region einschließlich der Hansestadt Bremen. Dorthin liefert der Trinkwasserband Verden große Mengen Trinkwasser von hoher Qualität, das vielfach in der dortigen Nahrungsmittelwirtschaft Verwendung findet.“

Wenn man weiterhin gutes Beck’s trinken wolle, sollte man die Erdgasförderung dort verhindern. „Eine Umweltverträglichkeitsprüfung ist nicht mehr nötig: Die Landesregierung will das zukünftig verhindern“, wusste Busch

Gesundheit und Boden sind unbezahlbar - BI LilienthalGrasberg informiert

Bei der Erdgasförderung gehe es allein um sehr viel Geld, sagte der Rautendorfer Oliver Heyne, Sprecher der frisch formierten BI in Lilienthal Grasberg. „Es ist egal, was die DEA zahlt - das Risiko und die Folgen lassen sich nicht bezahlen. Die Gesundheit, die Umwelt und der Boden sind unbezahlbar. Das Argument der geschaffenen Arbeitsplätze durch die DEA ist hohl: RWE hat DEA verkauft an eine rein profitorientierte Luxemburger Gesellschaft. Wir wollen sauber, ordentlich und gut bleiben.“

Renate Maaß von der erfolgreichen Harburger Bürgerinitiative „Kein Fracking in der Heide“ riet dazu, das Nein zum Betreten der DEA von Privatgebieten trotz uraltem Gesetz zur Rohstoffförderung, das eine Genehmigung erzwingen könne, bis zum Schluss auszureizen. „Hängen Sie sich so ein Verbotsschild, herunterzuladen von unserer Homepage, an jedes Tor. Es ist ein langer Weg zum Erzwingen (was noch zu keiner Zeit passiert ist, Anm. d. Red.) - seien Sie vorher Sand im Getriebe.“

Gemeinsam dagegen

Gute Nachrichten hatte die Bürgermeisterin Grasbergs, Marion Schorfmann, für ihre Mitbürger. Sie kündigte an, dass sämtliche Ratsfraktionen im Schulterschluss in der Ratssitzung am 1. November beantragen würden, die Sondernutzungserlaubnis für die DEA zur Gemeindestraßennutzung abzulehnen. „Darüber wird letztendlich ein Gericht entscheiden“, gab sie eine weite Prognose ab. „Kommen Sie gern als Gast zur Sitzung ins Rathaus. Dann wird’s aber eng“, sagte sie angesichts der Menschenmenge im Saal des Gasthofs. Auch Axel Miesner, CDU-Kreistagsmitglied und Mitglied des Niedersächsischen Landtags befand sich unter den Zuhörern im Saal und bestätigte auf Anfrage ebenfalls das fraktions übergreifende, gemeinsame Stehen gegen die Erdgasförderung, das sich durchdie nächsten Sitzungen im Kreistagziehen werde.